Shadows
Begehrte Schatten:
Fiktionen der Schattenlosigkeit
Dass der menschliche Leib einen Schatten wirft, kann nur, wie Dantes Commedia zeigt, den überraschen, der im Jenseitsreich auf ihn verzichten muss. Was aber passiert, wenn der Schatten abhanden kommt, verkauft wird, sein Besitzer mit seinem Verlust konfrontiert wird? Unter der Prämisse der ontologischen Nichtigkeit des Schattens erscheint sein Fehlen zunächst als vernachlässigbar gegenüber dem Gewinn, der daraus zu ziehen sein mag. Im Blick der Anderen indes verliert die schattenlose Person ihre Identität, sie wird verlacht, verworfen, ausgegrenzt – und sie verliert sich ohne die Spiegelung im Blick der Anderen selbst. Der Schattenlose verliert die Gesellschaft, Hofmannsthal spricht von der grenzgängerischen Frau ohne Schatten als einer „Allegorie des Sozialen“, Peter Schlemihl muss auf die Liebe verzichten, auf die Koordinaten des Selbst und seiner Identität. Allerdings werden Kompensationen gesucht und gefunden: in der Welt der Natur zumal. Die Literatur zwischen der Romantik und der frühen Moderne hat diese Situation mehrfach in exemplarischen Figuren durchgespielt, die Malerei hat sie variiert, die Oper aufgegriffen. Komplexe Motivtraditionen eigener Dignität, vom Teufelspakt bis zum Spiegel, sind in sie eingeschmolzen worden. In der Philosophie Friedrich Nietzsches haben die phantastischen Fiktionen der Literatur und der Künste ihr spekulativ-metaphorisches Gegenstück gefunden, von Menschliches, Allzumenschliches bis zu Also sprach Zarathustra, vom Schatten, den die Dinge werfen, wenn die Erkenntnis auf sie fällt, über die schattenlose Stunde des großen Mittags bis zum Ereignis des Schattens als der Schönheit des Übermenschen. In der griechischen und römischen Antike sind einige Momente der Vorgeschichte des „modernen“ Schattens zu finden. Platon, Cicero und Ovid stellen in dieser Hinsicht einige Etappen vor.
Reading List
Adalbert von Chamisso, Peter Schlemihls Wundersame Geschichte.
Hugo von Hoffmanstahl, Die Frau ohne Schatten
+ Richard Strauss, Die
Frau ohne Schatten (opera).
Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches + Also sprach Zarathustra.
Victor Hugo, Ce que dit la bouche d'ombre.
Luigi Pirandello, Il fu Mattia Pascal.
Joseph Conrad, The Shadow Line.
Platone, La Repubblica.
Cicerone, De oratore.
Weitere Lektuerevorschlaege
Hans Blumenberg, HöhlenausgängeFrankfurt/Main 1989
E.T.A. Hoffmann, Fantasiestücke in Callots Manier (v.a. „Die Abenteuer der Sylvester-Nacht“)
Sigmund Freud, „Das Unheimliche“
Thomas Mann, „Chamisso"
Marco Formisano
Helmut Pfeiffer ist seit 1993 Professor für Romanische Literaturen und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin; 1981 Promotion (in Konstanz) mit einer Arbeit zum französischen Roman um die Mitte des 19. Jahrhunderts, 1991 Habilitation (ebendort) mit einer Arbeit über „Selbstkultur und Selbsterhaltung“ in der französischen und italienischen Renaissance. In seinen Publikationen (Herausgebertätigkeit und zahlreiche Aufsätze sowie selbständige Veröffentlichungen) beschäftigte er sich mit der Funktionsgeschichte der Literatur, der Fiktions- und Diskurstheorie, dem Verhältnis von Literatur und Anthropologie sowie der Literaturgeschichte der Renaissance, der Aufklärung und des 19. und 20. Jahrhunderts. Seine Interessens- und Forschungsschwerpunkte sind (u.a.) Aufklärung; Literatur und Kunst des Fin de siècle; Lyrik der Spätmoderne; Literatur, Medien und Gewalt; Autobiographie im 20. Jahrhundert.
Auswahl wichtiger Publikationen der letzten Jahre:
Hg. mit K. W. Hempfer: Spielwelten. Performanz und Inszenierung in der Renaissance. Stuttgart 2002; Hg. mit I. Albers: Michel Leiris – Szenen der Transgression. München 2004; Hg. mit R. Galle: Aufklärung. München 2007.
Aufsätze: „Salome im Fin de Siècle. Ästhetisierung des Sakralen, Sakralisierung des Ästhetischen“, in: S. Martus/A. Polaschegg, Hrsg., Das Buch der Bücher – gelesen. Lesarten der Bibel in den Wissenschaften und Künsten, Publikationen zur Zeitschrift für Germanistik, Bd. 13, Bern 2006; „Spur und Rebellion. Zur Poetik von René Chars ‚Fureur et mystère’, in: A. Kliems/U. Raßloff/P. Zajac, Hrsg., Spätmoderne. Lyrik des 20. Jahrhunderts in Ost-Mittel-Europa I, Berlin 2006; „Gewalt und Negativität. Sade in der Moderne“, in: R. Galle/H. Pfeiffer, Hrsg., Aufklärung, München 2007; „Mythische Zeit und ästhetische Medialität: Salome im Fin de siècle“, in: F. Sick/Ch. Schöch, Hrsg., Zeitlichkeit in Text und Bild, Heidelberg 2007; „Bomben über Paris. Célines Luftkrieg: Féerie pour une autre fois II“, in: B. Wehinger, Hrsg., Plurale Lektüren. Studien zu Sprache, Literatur und Kunst. Festschrift für Winfried Engler, Berlin 2007; „Schiffbrüche mit Bewusstsein. Droge, Zeichnung, Schrift bei Henri Michaux“, in: J. Dünne/Ch. Moser, Hrsg., Automedialität, München 2008.Marco Formisano.
Seit 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach seiner Promotion in Latinistik mit der Dissertation über die Rolle der Fachliteratur in der Kultur der Spätantike erschien sein Buch „Tecnica e scrittura. Il ruolo delle letterature tecnico-scientifiche nello spazio letterario tardolatino“ (Rom 2001). Zudem hat er sich mit der Entstehung des literarischen Genres der ‘Kriegskunst’ und mit der frühesten Märtyrerliteratur beschäftigt. Er hat die Epitoma rei militaris des Vegetius (4. Jh.) und die Passio Perpetuae et Felicitatis (3. Jh) für die BUR Reihe ins Italienische übersetzt und kommentiert. Er ist Mitherausgeber von zwei Sammelbände: „Perpetua’s Passions. Pluridisciplinary Approaches tot he Passio Perpetuae et Felicitatis (mit J. Ni. Bremmer, im Erscheinen, Oxford University Press) und „Krieg in Worten / War in Words. Transformationen des antiken Kriegs bis Clausewitz“ (mit H. Böhme, im Erscheinen, Walter De Gruyter). Er war Frances Yates Fellow am Warburg Institute in London (2005). und Research Associate Scholar an der Italian Academy for Advanced Studies at Columbia University in New York (2008-9).
Marco Formisano.
Seit 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu
Berlin. Nach seiner Promotion in Latinistik mit der Dissertation über
die Rolle der Fachliteratur in der Kultur der Spätantike erschien sein
Buch „Tecnica e scrittura. Il ruolo delle letterature
tecnico-scientifiche nello spazio letterario tardolatino“ (Rom 2001).
Zudem hat er sich mit der Entstehung des literarischen Genres der
‘Kriegskunst’ und mit der frühesten Märtyrerliteratur beschäftigt. Er
hat die Epitoma rei militaris des Vegetius (4. Jh.) und die Passio
Perpetuae et Felicitatis (3. Jh) für die BUR Reihe ins Italienische
übersetzt und kommentiert. Er ist Mitherausgeber von zwei Sammelbände:
„Perpetua’s Passions. Pluridisciplinary Approaches tot he Passio
Perpetuae et Felicitatis (mit J. Ni. Bremmer, im Erscheinen, Oxford
University Press) und „Krieg in Worten / War in Words. Transformationen
des antiken Kriegs bis Clausewitz“ (mit H. Böhme, im Erscheinen, Walter
De Gruyter). Er war Frances Yates Fellow am Warburg Institute in London
(2005). und Research Associate Scholar an der Italian Academy for
Advanced Studies at Columbia University in New York (2008-9).
Tutor
Irene Fantappiè Università di
Bologna