Bertinoro, 6/13 September 2009

Shadows

Begehrte Schatten: Fiktionen der Schattenlosigkeit

Dass der menschliche Leib einen Schatten wirft, kann nur, wie Dantes Commedia zeigt, den überraschen, der im Jenseitsreich auf ihn verzichten muss. Was aber passiert, wenn der Schatten abhanden kommt, verkauft wird, sein Besitzer mit seinem Verlust konfrontiert wird? Unter der Prämisse der ontologischen Nichtigkeit des Schattens erscheint sein Fehlen zunächst als vernachlässigbar gegenüber dem Gewinn, der daraus zu ziehen sein mag. Im Blick der Anderen indes verliert die schattenlose Person ihre Identität, sie wird verlacht, verworfen, ausgegrenzt – und sie verliert sich ohne die Spiegelung im Blick der Anderen selbst. Der Schattenlose verliert die Gesellschaft, Hofmannsthal spricht von der grenzgängerischen Frau ohne Schatten als einer „Allegorie des Sozialen“, Peter Schlemihl muss auf die Liebe verzichten, auf die Koordinaten des Selbst und seiner Identität. Allerdings werden Kompensationen gesucht und gefunden: in der Welt der Natur zumal. Die Literatur zwischen der Romantik und der frühen Moderne hat diese Situation mehrfach in exemplarischen Figuren durchgespielt, die Malerei hat sie variiert, die Oper aufgegriffen. Komplexe Motivtraditionen eigener Dignität, vom Teufelspakt bis zum Spiegel, sind in sie eingeschmolzen worden. In der Philosophie Friedrich Nietzsches haben die phantastischen Fiktionen der Literatur und der Künste ihr spekulativ-metaphorisches Gegenstück gefunden, von Menschliches, Allzumenschliches bis zu Also sprach Zarathustra, vom Schatten, den die Dinge werfen, wenn die Erkenntnis auf sie fällt, über die schattenlose Stunde des großen Mittags bis zum Ereignis des Schattens als der Schönheit des Übermenschen. In der griechischen und römischen Antike sind einige Momente der Vorgeschichte des „modernen“ Schattens zu finden. Platon, Cicero und Ovid stellen in dieser Hinsicht einige Etappen vor.

Reading List

Adalbert von Chamisso, Peter Schlemihls Wundersame Geschichte.

Hugo von Hoffmanstahl, Die Frau ohne Schatten + Richard Strauss, Die 
Frau ohne Schatten (opera).

Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches + Also sprach Zarathustra.

Victor Hugo, Ce que dit la bouche d'ombre.

Luigi Pirandello, Il fu Mattia Pascal.

Joseph Conrad, The Shadow Line.

Platone, La Repubblica.

Cicerone, De oratore.

Weitere Lektuerevorschlaege

Hans Blumenberg, HöhlenausgängeFrankfurt/Main 1989

E.T.A. Hoffmann, Fantasiestücke in Callots Manier (v.a. „Die Abenteuer der Sylvester-Nacht“)

Sigmund Freud, „Das Unheimliche“

Thomas Mann, „Chamisso"




 

Seminar in German
Helmut Pfeiffer and
Marco Formisano

Helmut Pfeiffer ist seit 1993 Professor für Romanische Literaturen und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin;  1981 Promotion (in Konstanz) mit einer Arbeit zum französischen Roman um die Mitte des 19. Jahrhunderts, 1991 Habilitation (ebendort) mit einer Arbeit über „Selbstkultur und Selbsterhaltung“ in der französischen und italienischen Renaissance. In seinen Publikationen (Herausgebertätigkeit und zahlreiche Aufsätze sowie selbständige Veröffentlichungen) beschäftigte er sich mit  der Funktionsgeschichte der Literatur, der Fiktions- und Diskurstheorie, dem Verhältnis von Literatur und Anthropologie sowie der Literaturgeschichte der Renaissance, der Aufklärung und des 19. und 20. Jahrhunderts. Seine Interessens- und Forschungsschwerpunkte sind (u.a.) Aufklärung; Literatur und Kunst des Fin de siècle; Lyrik der Spätmoderne; Literatur, Medien und Gewalt; Autobiographie im 20. Jahrhundert.
Auswahl wichtiger Publikationen der letzten Jahre:

Hg. mit K. W. Hempfer: Spielwelten. Performanz und Inszenierung in der Renaissance. Stuttgart 2002; Hg. mit I. Albers: Michel Leiris – Szenen der Transgression. München 2004; Hg. mit R. Galle: Aufklärung. München 2007.

Aufsätze: „Salome im Fin de Siècle. Ästhetisierung des Sakralen, Sakralisierung des Ästhetischen“, in: S. Martus/A. Polaschegg, Hrsg., Das Buch der Bücher – gelesen. Lesarten der Bibel in den Wissenschaften und Künsten, Publikationen zur Zeitschrift für Germanistik, Bd. 13, Bern 2006; „Spur und Rebellion. Zur Poetik von René Chars ‚Fureur et mystère’, in: A. Kliems/U. Raßloff/P. Zajac, Hrsg., Spätmoderne. Lyrik des 20. Jahrhunderts in Ost-Mittel-Europa I, Berlin 2006; „Gewalt und Negativität. Sade in der Moderne“, in: R. Galle/H. Pfeiffer, Hrsg., Aufklärung, München 2007; „Mythische Zeit und ästhetische Medialität: Salome im Fin de siècle“, in: F. Sick/Ch. Schöch, Hrsg., Zeitlichkeit in Text und Bild, Heidelberg 2007; „Bomben über Paris. Célines Luftkrieg: Féerie pour une autre fois II“, in: B. Wehinger, Hrsg., Plurale Lektüren. Studien zu Sprache, Literatur und Kunst. Festschrift für Winfried Engler, Berlin 2007; „Schiffbrüche mit Bewusstsein. Droge, Zeichnung, Schrift bei Henri Michaux“, in: J. Dünne/Ch. Moser, Hrsg., Automedialität, München 2008.

Marco Formisano.
Seit 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach seiner Promotion in Latinistik mit der Dissertation über die Rolle der Fachliteratur in der Kultur der Spätantike erschien sein Buch „Tecnica e scrittura. Il ruolo delle letterature tecnico-scientifiche nello spazio letterario tardolatino“ (Rom 2001). Zudem hat er sich mit der Entstehung des literarischen Genres der ‘Kriegskunst’ und mit der frühesten Märtyrerliteratur beschäftigt. Er hat die Epitoma rei militaris des Vegetius (4. Jh.) und die Passio Perpetuae et Felicitatis (3. Jh) für die BUR Reihe ins Italienische übersetzt und kommentiert. Er ist Mitherausgeber von zwei Sammelbände: „Perpetua’s Passions. Pluridisciplinary Approaches tot he Passio Perpetuae et Felicitatis (mit J. Ni. Bremmer, im Erscheinen, Oxford University Press) und „Krieg in Worten / War in Words. Transformationen des antiken Kriegs bis Clausewitz“ (mit H. Böhme, im Erscheinen, Walter De Gruyter). Er war Frances Yates Fellow am Warburg Institute in London (2005). und Research Associate Scholar an der Italian Academy for Advanced Studies at Columbia University in New York (2008-9).

Marco Formisano.
Seit 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach seiner Promotion in Latinistik mit der Dissertation über die Rolle der Fachliteratur in der Kultur der Spätantike erschien sein Buch „Tecnica e scrittura. Il ruolo delle letterature tecnico-scientifiche nello spazio letterario tardolatino“ (Rom 2001). Zudem hat er sich mit der Entstehung des literarischen Genres der ‘Kriegskunst’ und mit der frühesten Märtyrerliteratur beschäftigt. Er hat die Epitoma rei militaris des Vegetius (4. Jh.) und die Passio Perpetuae et Felicitatis (3. Jh) für die BUR Reihe ins Italienische übersetzt und kommentiert. Er ist Mitherausgeber von zwei Sammelbände: „Perpetua’s Passions. Pluridisciplinary Approaches tot he Passio Perpetuae et Felicitatis (mit J. Ni. Bremmer, im Erscheinen, Oxford University Press) und „Krieg in Worten / War in Words. Transformationen des antiken Kriegs bis Clausewitz“ (mit H. Böhme, im Erscheinen, Walter De Gruyter). Er war Frances Yates Fellow am Warburg Institute in London (2005). und Research Associate Scholar an der Italian Academy for Advanced Studies at Columbia University in New York (2008-9).

Tutor
Irene Fantappiè Università di Bologna

Irene Fantappiè, 28, hat neulich ihr Doktorat in Vergleichenden Literaturen an der Universität von Bologna erworben; sie hat auch an der Freie Universität Berlin, Universität von Heidelberg und University College London studiert. In ihrer Doktorarbeit beschäftigte sie sich mit Zitat und Montage im Rahmen der Intertextualitäts- und Übersetzungstheorie, besonders in Bezug auf Karl Kraus und Shakespeare. Sie hat ihr Studium in Germanistik und Italianistik an der Universität von Bologna mit einer Diplomarbeit über Paul Celan und Nelly Sachs abgeschlossen. Über Celan und Sachs hat sie auch mehrere Artikel veröffentlicht. Sie hat ein Buch von komparatistischen Essays über Paul Celan zusammen mit Professorin Camilla Miglio herausgegeben (2008) und hat eine Sammlung von Karl Kraus’ Schriften veröffentlicht (2007); eine zweite Kraus-Sammlung wird in Kürze erscheinen. Sie hat auch Essays über die neuere deutsche und italienische Dichtung und über Übersetzungstheorie geschrieben. Sie hat an der Universität von Viterbo Deutsche Literatur und Übersetzung unterrichtet. Sie ist eine Mitarbeiterin des europäischen Projekts „Europe as a Space of Translation“ (www.esttranslation.net) und der Zeitschriften «Annuario di poesia» und «L’Indice».